Tragetuch

Tragen: eine Herzensangelegenheit

Porträt von Paul

Von Paul

Bevor unsere Tochter auf die Welt kam fanden wir es schon immer total cool und süß, wie Eltern ihre kleinen Babys vor sich an der Brust tragen und dachten uns: wir möchten unser Baby später auch nah bei uns am Herzen tragen. Als wir uns dann ein bisschen mehr mit dem Thema Tragen beschäftigten, kamen noch zig weitere Vorteile des Tragens zum Vorschein: es stärkt die Bindung zum Kind, man kann sich prima durch unwegsames Gelänge bewegen (praktisch für Wander-Fans), man hat mehr Platz im Kofferraum (super für Urlaube), man hat keine Probleme durch größere Menschenmengen zu kommen und vieles mehr.

Tragetuchbild

Babytrage oder Tragetuch?

Vor der Geburt machte ich mich über die unterschiedlichen Tragesysteme schlau. Grob gibt es zwei Stück: Tragetücher, zum Wickeln und Knoten und Babytragen, die schon mehr oder weniger komplett fertig sind und in die man das Baby nur noch reinsetzen muss. Beide Systeme gibt es in zig verschiedenen Unterarten, z. B. Mei Tai, Sling, Half-Buckle (Halbschnalle – ein Mix aus Schnallen und Binden), Full-Buckle (Vollschnalle – ausschließlich Schnallen), etc. Da wir selbst nur Tragetuch, Sling und eine Full-Buckle-Babytrage genutzt haben und auch nur bei diesen aus Erfahrung sprechen können, werde ich nicht weiter auf die anderen Varianten eingehen.

Wir hatten uns zunächst für ein Tragetuch entschieden, weil es den größten Tragekomfort – sowohl für das Baby als auch für den Träger – bieten soll (was wir auch voll und ganz bestätigen können!). Tragetücher sind dünn und schmiegen sich wunderbar an den Körper an, was gerade beim Tragen unter der Jacke ein riesen Vorteil ist. Dagegen sind Babytragen durch die Polsterungen meist etwas dicker und auch die Schnallen können etwas störend unter der Jacke sein.

Elastisch oder gewebt?

Nachdem schon mal der Entschluss für das Tragetuch und gegen die Babytrage gefallen war, mussten wir uns noch für eine Art entscheiden: Elastisch (= gestrickt, z.B. aus Jersey) oder gewebt? Die elastischen Tücher sollen wohl die bequemste und anfängerfreundlichste Tuchart sein. Sie haben jedoch den Nachteil, dass sie nur bis zu einem bestimmten Gewicht genutzt werden können. Es ist zwar abhängig vom Hersteller, aber überwiegend wird ein Maximalgewicht von 9kg angegeben. Da wir jedoch geplant hatten unsere Tochter auch noch im Alter von 3 Jahren und eventuell darüber hinaus zu tragen (dann natürlich auf dem Rücken), entschieden wir uns für ein gewebtes Tuch. Gewebte Tücher sind nämlich stabiler und halten auch ein Gewicht von 15+ kg aus.

Jetzt im Nachhinein – mit dem Wissen, dass man eh mindestens zwei Tragetücher haben sollte (für den Fall das eins dreckig/nass wird) und sie extrem wertstabil sind (dazu unten mehr) – würde ich aufgrund der angepriesenen Anfängerfreundlichkeit jedoch erst einmal zu einem elastischen (=gestrickten) Tragetuch greifen.

Und welche Marke?

Nachdem wir uns für gewebte Tücher entschieden hatten, musste nur noch die Marke gewählt werden. Leider macht es die Fülle von Tragetuch-Anbietern nicht gerade leicht als Trageneuling die richtige Marke zu finden. Wir hatten uns für Didymos* entschieden, weil es ein deutsches Unternehmen ist, welches die Tragetücher in Deutschland und Österreich herstellt, ausschließlich Rohstoffe aus kontrolliertem biologischen Anbau (kbA) verwendet (die Rohstoffe kommen aus der ganzen Welt) und bei Öko-Test mit „sehr gut“ abgeschnitten hat.

Wie Du siehst sind dies sehr individuelle, persönliche Entscheidungskriterien für oder gegen eine Marke. Letztendlich gibt es nämlich nicht „die richtige Marke“. Denn sein wir doch mal ehrlich: Tragetücher sind keine Raketenwissenschaft, für die man viel Knowhow benötigt, sondern lediglich ein Stück Stoff in einer bestimmten Webart. Alle Tragetücher, egal von welcher Marke, erfüllen ihren Zweck Babys/Kleinkinder tragen zu können. Mein Tipp ist deshalb: Wenn Dir ein Tragetuch der Marke X gefällt, sei es aus optischen und/oder beispielsweise ökologischen Gründen, dann nimm es einfach.

Tragetuchbild

Gebrauchte Tragetücher

Da in unserem näheren Umfeld niemand getragen hat und wir unsicher waren, ob es überhaupt klappt, hatte ich erstmal ein gebrauchtes Tuch online in den Kleinanzeigen gekauft (aus demselben Grund haben wir uns als Backup auch noch einen gebrauchten Kinderwagen angeschafft, der aber glücklicherweise fast nie zum Einsatz kam).

Ich möchte an dieser Stelle direkt darauf hinweisen, dass wir unsere beiden gebraucht gekauften Tragetücher für ±0€ wieder weiterverkauft haben. Ich hatte beim Kauf darauf geachtet, dass die Tücher (laut Beschreibung) kaum benutzt waren und noch „wie neu“ aussahen. Dadurch waren die Tücher zwar nur ca. 20€ günstiger als Neuware, aber aufgrund der sehr guten Wertstabilität haben wir somit für ein Jahr Nutzung letztendlich nichts bezahlt. Selbst bei einem Tragetuch-Neukauf hast Du also kaum Wertverlust (hochgerechnet kostet Dich ein neues Tragetuch ca. 2€/Monat, wenn Du es anschließend weiterverkaufst)

Trageberatung

Da wir, wie oben bereits angesprochen, in unserem Bekanntenkreis niemanden hatten, der sein Kind auch getragen hat, fühlte ich mich extrem unsicher beim Anlegen des Tragetuchs. Ich hatte vor der Geburt zwar bereits mit Kissen und Puppen geübt und mir auch zig Videos angeguckt, aber als ich dann das Tuch mit unserer Tochter drin gebunden hatte, fühlte ich mich irgendwie unwohl und hatte Angst, dass sie nicht richtig sitzt. Es ist nämlich extrem wichtig Babys in der orthopädisch korrekten Anhock-Spreiz-Haltung (auch M-Position genannt, weil Beine und Popo ein M bilden) zu tragen. Ich wollte nichts falsch machen und es absolut vermeiden bei unserer Tochter Haltungsschäden zu verursachen. Zwar konnte unsere Hebamme auch die Bindetechnik erklären, aber da sie selbst keine Kinder und somit nie selbst getragen hat, war sie keine Expertin und hat uns eine Trageberaterin empfohlen.

Die Trageberaterin hat 50€ gekostet (für anderthalb Stunden plus Fahrtkosten), aber war ihr Geld auch mehr als Wert. Sie hat uns genau gezeigt, worauf wir beim Anlegen achten müssen, mit wieviel Kraft man an dem Tuch ziehen kann und kleine Tipps gegeben (z.B. ein kleines Tuch als Nackenstütze nehmen, oder das Tuch vorbinden). Dank der Trageberatung bekamen wir genügend Sicherheit im Umgang mit dem Tragetuch, was uns das nötige Selbstvertrauen gab und alle Zweifel, ob das Tuch korrekt angelegt sei, ausräumte. Wir würden jedem Trageneuling deshalb unbedingt zu einer Trageberatung raten. Und was die Kosten angeht: Behaltet im Hinterkopf, dass ein Kinderwagen deutlich teurer ist 😉

Falls ihr auch eine Trageberatung in Anspruch nehmen wollt, kümmert euch so früh wie möglich um einen Termin. Wir hatten Glück, dass bei unserer Trageberaterin jemand abgesprungen ist und wir aufgrund von Elternzeit zeitlich flexibel waren. Unsere Trageberaterin war nämlich sehr gut ausgebucht und ich könnte mir vorstellen, dass sie nicht die einzige Beraterin ist, die gut zu tun hat.

Wie viele Tragetücher benötigt man?

Wie oben bereits angesprochen, solltest Du mindestens zwei Tragetücher besitzen, falls Du ausschließlich Tragen möchtest. Es kann nämlich immer mal sein, dass das Tuch beschmutzt/nass wird oder irgendwann einfach müffelt. Mit zwei farblich unterschiedlichen Tragetüchern hast Du auch gleich eine größere Auswahl, um das Tragetuch Deinem Outfit anzupassen. Wir hatten beispielweise ein helles und ein dunkles Tuch. Hätten wir jedoch vorher gewusst, dass wir die Tücher (fast) ohne Verlust weiterverkaufen können, hätten wir uns definitiv noch weitere besorgt. Gerade im Sommer, wo das Tuch den Großteil des Oberkörper-Outfits ausmacht, wäre ein zusätzliches, helles Tuch Gold wert gewesen – man will ja schließlich nicht jeden Tag gleich aussehen 😉

Hilfreich bei Speibabys

Ich habe zu Anfang bereits ein paar Vorteile des Tragens aufgelistet, aber auf einen Vorteil möchte ich gesondert eingehen, da er in unserer Situation extrem hilfreich war. Und zwar war unsere Tochter ein Speibaby und hat nach jeder Mahlzeit gefühlt alles wieder ausgespuckt. Dies hatte uns extrem belastet. Ich hatte dann irgendwo gelesen (ich finde leider die Quelle nicht mehr), dass man dem Problem durch eine aufrechte Haltung des Babys begegnen kann. Also testeten wir, ob unsere Tochter nach dem Essen weniger kötzelt, wenn wir sie ins Tuch packen. Und tatsächlich wurde es weniger. Klar kam hin und wieder doch etwas raus und sowohl wir als auch das Tragetuch wurden bekötzelt (deshalb waren zwei Tragetücher für uns ein absolutes Muss), aber das Speien nahm im Tragetuch deutlich ab.

Die Krux mit der Länge des Tragetuchs

Was uns am Tragetuch nervte, war, dass bei Matschwetter und im Winter die Enden beim Anlegen immer den Boden berührten und dreckig/feucht wurden. Durch Vorbinden des Tuchs konnten wir zwar dafür sorgen, dass weniger Tuch in Kontakt mit dem Boden kam, aber ganz vermeiden ließ es sich nicht. Man benötigt schon eine zweite Person, die die Enden festhält, damit das Tuch ganz sauber bleibt. Falls Du einen Ratschlag haben solltest, wie man diesem Problem sonst noch begegnen kann, hinterlasse gerne einen Tipp in den Kommentaren.

Fazit

Zu Beginn störte es uns etwas, dass wir das Tuch jedes Mal neu binden mussten. Da wir das Tragetuch jedoch täglich benutzten waren wir nach kurzer Zeit im Binden so fit, dass wir nur noch 2-3 Minuten zum Anlegen benötigten. Dies war also nach kürzester Zeit kein Störfaktor mehr. Mach Dir also keine Sorgen, wenn du zu Beginn etwas länger zum Binden brauchst: es wird schnell besser.

Unsere Tochter zu Tragen war die beste Entscheidung! Tragen ist einfach die schönste Transportmöglichkeit eines Babys und wir werden die wundervollen Stunden mit unserer Tochter an der Brust ewig in Erinnerung behalten.

Wir hatten es zwar auch mit dummen Kommentaren zu tun, wie z. B. „das Baby schwitzt sich doch tot“ (heißer Tag im Sommer) oder „die Haltung kann doch nicht gesund sein“ (kam überwiegend von älteren Herrschaften). Aber zum Glück kam dies eher selten vor und als Trage-Fan steht man natürlich über solchen Anmerkungen 😉

Das Tragen ermöglichte uns einen hohen Grad an Flexibilität was das Gelände angeht und stärkte die Bindung ungemein. Aufgrund des Tragekomforts sind Tragetücher unsere erste Wahl. Und auch wenn wir nach etwas über einem Jahr zur Babytrage wechselten, würden wird alles genau so wieder machen: erst Tragetuch + Sling und dann, mit ca. einem Jahr, Babytrage. Vielleicht ist das mit dem Tragetuch aber auch ein bisschen wie mit dem IKEA-Effekt: Dadurch, dass man die Möbel selbst zusammenbaut, haben diese emotional einen höheren Wert. Auf das Tragetuch übertragen: Dadurch, dass ich Zeit in das Anlegen des Tuchs stecken musste, erhöhte es meine Wertschätzung des Tragens und verstärkte die emotionale Bindung noch mal mehr (als mit einer Babytrage).

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